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Cloud-Transformation – Wo stehen deutsche Unternehmen in ihrer Transformation?

Cloud-Transformation – Wo stehen deutsche Unternehmen in ihrer Transformation?

 

Nachdem die Cloud lange Zeit als Nischenthema für IT-Abteilungen galt, ist sie nun in deutschen Vorstandsetagen angekommen. Was Entscheider dabei bewegt und wo deutsche Unternehmen heute in ihrer Cloud-Transformation stehen, lesen Sie in unserem Interview.

Es diskutieren Prof. Dr. Roland Frank, Dozent an der Media Design Hochschule München mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Innovationsmanagement, Change-Prozesse und Digitalisierung und Andreas Tamm, der als Lead Enterprise Architect bei Arvato Systems maßgeblich die Weiterentwicklung der IT-Architekturen und Strategie von Arvato Systems und deren Kunden beeinflusst.


Fakten im Überblick

  • Cloud ist mittlerweile ein Thema für die Vorstände deutscher Unternehmen. Der Einstieg erfolgt meist über SaaS-Anwendungen wie Office365.
  • Cloud Native hat sich als prägender Ansatz bei der Cloud-Transformation nicht wie erwartet durchgesetzt. So entstehen die größten Probleme bei der Cloud-Transformation in Unternehmen, die ihre Prozesse 1:1 in die Cloud heben ohne die technologischen Möglichkeiten der Cloud-Dienste zu evaluieren.
  • Die Motivation ist wesentlich für eine gelungene Cloud-Transformation: Agilität und Schnelligkeit gelten als erfolgversprechendere Ziele als bloße Kosteneinsparungen. Ein klares Bekenntnis der Unternehmensführung zur Cloud-Strategie ist unverzichtbar.
  • Die Angst deutscher Unternehmen vor dem Vendor Lock-in ist nicht ganz unbegründet, kann jedoch durch das richtige Toolset, Cloud-agnostische Entwicklung sowie das Setzen auf mehrere Cloud-Anbieter entkräftet werden.
  • Die Diskussion um Datenschutz und Datensicherheit ist häufig durch Unwissenheit getrieben. Bei Einsatz aktueller Verschlüsselungstechnologien sind die Daten in der Cloud genauso sicher wie im eigenen Rechenzentrum.

Aktuelle Trends im Cloud Computing

Die Cloud war ja lange Zeit ein Nischenthema – sowohl für IT-Abteilungen als auch für das Management von Unternehmen. Inzwischen beschäftigen sich Vorstände intensiv mit dem Thema. Was sorgt für diesen Sinneswandel?

Aktuell sehen wir, dass der Druck am Markt stetig wächst. Strategieabteilungen und Beratungsunternehmen wie Gartner tragen das Thema immer stärker in die Unternehmen. Und die Nachrichten, die sie mitbringen, kommen jetzt endlich auch bei den IT-Verantwortlichen und den Managern an.

Der zweite Punkt ist, dass die Angst vor der Cloud massiv abgenommen hat. Die Kombination dieser zwei Punkte führt dazu, dass sich die Vorstände inzwischen mehrheitlich klar positioniert haben, Bekenntnisse zur Cloud ablegen und eigene Strategien für die Cloudtransformation vorlegen.

Es gibt aber auch Unternehmen, bei denen kommt der Druck von den IT-Abteilungen selbst. Weil die Abteilungen anfangen, die Angebote von sich aus zu nutzen und sehen, dass die Services in der Praxis funktionieren. Dann wird der Handlungsdruck an das Management weitergereicht.

Die erste Welle des Cloudcomputings war vor allem von den Möglichkeiten der IaaS-Nutzung geprägt. Mit SaaS und PaaS haben in den vergangenen Jahren neue Anwendungsfelder an Bedeutung  gewonnen. Mit ihrer disruptiven Kraft gestalten sie Unternehmenstransformationen noch viel explosiver. Welche Trends sind aus Deiner Perspektive aktuell wichtiger?

Bei den großen Unternehmen beobachtet man aktuell, dass der Trend dahin geht, zunächst mit SaaS-Angeboten in die Cloud einzusteigen. Ganz häufig ist das Microsoft Office 365. Das ist der Anfang. Danach werden häufig ganze Systemarchitekturen hinterhergezogen.

Der nächste Schritt ist, SAP- oder Hybrid-Systeme Schritt für Schritt in die Cloud zu übertragen. Erst im Anschluss wird damit begonnen, eigene Anwendungen auf PaaS-Basis zu entwickeln oder die Analytics-Services aus der Cloud auf die eigenen SAP-Systeme anzuwenden.

Die Idee, dass Cloud Native der prägende Ansatz bei der Cloudtransformation wird, hat sich bislang nicht bestätigt.

Stolperfallen bei der Cloudtransformation

Du begleitest Unternehmen seit Jahren bei der Cloudtransformation. Was sind deiner Erfahrung nach die größten Probleme, über die Unternehmen bei dem Vorhaben stolpern?

Oft beobachte ich, dass die Unternehmen sich zu wenig Gedanken machen: Man nimmt den Server, wie er ist und packt ihn in die Cloud. Und dann soll es billiger, besser und innovativer werden. Das passiert häufig, allerdings sieht man schnell: Das funktioniert so gar nicht.

Wird es dann plötzlich teurer, stellt man fest, dass man dann trotzdem eine virtuelle Maschine weiterhin betreuen muss. Wäre man den Schritt zum PaaS-Service gleich gegangen, hätte das nicht mehr sein müssen. Also die 1:1 Abbildung von Prozessen in der Cloud funktioniert häufig nicht.

Liegt es also an der Halbherzigkeit, mit der Cloudtransformationen in Deutschland angegangen werden?

Es hängt ganz häufig von der Frage ab, von wo der Prozess getrieben wird. Häufig kommt zunächst der Financial Officer und sagt: „Das wird ja alles billiger. Dann macht doch mal.“

Und wenn dann die gesamte Geschäftsführung nur aus Betriebswirten und Controllern besteht, wird schnell entschieden, ohne dass man sich vorher Gedanken über das Vorgehen gemacht hat.

Wenn die Entscheidung aber von der technischen Seite kommt - in Begleitung von Betriebswirten - also von Menschen, die sich schon mit diesem Thema beschäftigt haben, dann kann es gelingen. Dann sagen die Verantwortlichen nicht: „Wir wollen Kosten sparen.“, sondern: „Wir wollen entwickeln, wir möchten agiler werden und wir möchten schneller reagieren können und innovativer sein.“ Dann wird da ein Schuh draus.

Was sind die häufigsten Fehler bei der technischen Umsetzung?

Zum Beispiel wenn ein Kunde sagt: „Wir gehen jetzt in die Public Cloud mit allem, was wir haben. Wir machen ein großes Migrationsprojekt.“ Und das endet damit, dass ein Mitarbeiter, der eine virtuelle Maschine in der Cloud haben will, als erstes ein Excel-Sheet ausfüllt.

Wenn ich so vorgehe – also das digital abbilde, was ich früher gemacht habe und nichts an den Unternehmensabläufen verändere – dann bringt mir die Cloudtransformation nichts. Das Unternehmen wird weder agil noch spart es Kosten.

Die Transformation im Kopf findet nicht statt – und damit kommen die praktischen Probleme. In der Technik selbst sind die Probleme recht marginal, wenn man sich damit auskennt: Die Anbieter haben ein breites Portfolio, das fast alles abdeckt, was man so braucht. Die Plattformen sind inzwischen auch sehr gut verfügbar. Natürlich kann es auch immer Probleme geben: Wenn ich eine klassische Datenbank On Premises betreibe und dann einen PaaS-Service in der Cloud einsetze, matcht das nicht immer hundertprozentig. Aber dann muss ich mich auch ein bisschen anpassen.

Cloud Transformation im Best-Case

 Gibt es aus Deiner Sicht einen Best-Case einer (deutschen) Cloudtransformation?

Ich glaube, die Münchner Rück ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Cloudtransformation in einem großen deutschen, global aufgestellten Unternehmen gelingen kann. Die Münchner Rück hat frühzeitig die Mehrwerte erkannt, die sie in der Cloud nutzen können. Es hat sich für das Unternehmen gezeigt, dass Modelle zur Risikoberechnung oder auch Wettermodelle aus der Cloud aktuell unschlagbar sind, um Ressourcen schnell und skalierbar hoch- und wieder  herunterzufahren. Und um diese neuen Möglichkeiten haben sie ihre Prozesse herumgebaut und sich geöffnet für die neuen Technologien.

Kannst Du noch ein etwas über den Prozess der Cloudtransformation sagen? Was sind die wichtigen Milestones? In welcher Reihenfolge werden die einzelnen Schritte einer Cloudtransformationen durchlaufen?

Der wichtigste Schritt ist ein klares Bekenntnis zu einer Cloudstrategie. Ob das jetzt der CIO, CTO, CDO oder CEO ist, spielt erstmal  keine Rolle. Das größte Manko bei vielen Firmen ist, dass es niemanden gibt, der die Verantwortung für diesen Schritt übernimmt. Solange Fachabteilungen sagen: „Ja,  wir machen jetzt mal was in der Cloud“ und es keine generelle Strategie von Seiten der Unternehmensführung gibt, wird eine Cloudtransformation sehr schwer. Das hat bei der Münchner Rück sehr gut funktioniert. Sie haben sich Leute gesucht – auch von extern – die diese Position besetzten, die Strategie ausarbeiteten und letztlich auch die Mitarbeiter mitgenommen haben. Und das sind im Endeffekt die wichtigsten Faktoren.

Bei welchen Prozessen entlang der Wertschöpfungskette macht eine Verlagerung der Aktivität in die Cloud besonders viel Sinn?

Ob Datenspeicherung oder Datenauswertung - welcher Prozessschritt ist egal, alle sind dafür geeignet. Wiederkehrende Prozessschritte sind besonders einfach umzusetzen. Da reden wir über Automatisierung.

Es gibt Beispiele im Bereich Finance, die inzwischen KI-Systeme nutzen, um Jahresabschlüsse zu erstellen. Auf den ersten Blick könnte man sagen, der Prozessschritt eignet sich nicht, weil er so komplex ist. Er eignet sich schon, man muss sich nur Gedanken darüber machen. Klar, den Pförtner, der am Empfang sitzt, kann ich aktuell nicht ersetzen. Aber entlang der gesamten Wertschöpfungskette kann man jeden Prozess prüfen und feststellen, welcher besser oder schlechter geeignet ist.

Man muss bloß eines beachten: Wenn man schon Cloud-Dienste nutzt, sollte man seine alten Prozesse nicht 1:1 in der Cloud wieder abbilden. Ich glaube, die eigentliche Problematik liegt darin, den Mehrwert beim Einsatz von Cloudtechnologien zu erkennen.

Deutsche Befindlichkeiten in der Cloud

Wenn es um die Befindlichkeiten deutscher Unternehmen bei der Cloudtransformation geht, fällt immer wieder der Begriff Vendor Lock-in, also die Angst, ab einem gewissen Nutzungsgrad den Anbieter nicht mehr wechseln zu können. Siehst Du da eine reale Gefahr?

Ganz unbegründet ist die Angst natürlich nicht. Ich begebe mich natürlich in die Abhängigkeit zu einem Anbieter. Früher hat man sich zwar auch für die Datenbank von Oracle entschieden, aber dann einen Application Server einer anderen Firma gewählt. Es gab mehr Möglichkeiten, die Anwendungen über Softwareanbieter hinweg zu streuen. Heute stellt mir ein Anbieter die ganze Infrastruktur zur Verfügung.

In meinen Augen ist das kein großes Problem, wenn man sein Toolset so ausrichtet, dass es auf allen Plattformen läuft. Dann können Workloads von Anbieter A zu Anbieter B relativ simpel geshiftet werden. Die Anbieter bieten auch Tools für solche Wechsel und entsprechende Hilfestellungen an.

Darüber hinaus hilft eine Cloud-agnostische Applikationsentwicklung, sprich: Containertechnologien, Container Orchestration mit Docker Run Swarm oder Kubernetes.

Aber aus meiner Perspektive ist es sinnvoller zu sagen: Ich nutze zwei große Anbieter und schaue mir dann im Einzelfall an, welchen Service ich für meine Applikationen benötige und splitte so meinen Workload auf.

Ein weiteres großes Thema ist (und bleibt wohl) Datenschutz – und die Angst um die Nutzung der Daten aus der Cloud.

Wenn man in der Cloud richtig mit den Daten umgeht, dann sind sie sicher. Oft fehlt einfach noch das Wissen dazu. Seit letztem Mai gibt bspw. eine Änderung im Sozialgesetzbuch, die erlaubt, dass Sozialdaten in der Cloud gespeichert werden, wenn die Hostanbieter auf europäischem Boden liegen. Das schließt Rechenzentren in Frankfurt, Dublin oder Amsterdam ein. Auch die BaFin hat Public Cloud Computing in der Zwischenzeit in ihre Regularien aufgenommen.

Die Cloud ist immer auch ein Shared Responsibility Modell. Bis zu einem gewissen Grad ist der Cloudanbieter für die Datensicherheit verantwortlich, ab dann aber auch das Unternehmen selbst.

Wenn ich heute gängige Technologien wie Encryption oder Data-at-Rest verwende und die Daten auf dem Weg des Transports verschlüssele, dann ist das so sicher, wie wenn ich die Daten bei mir On Premise hoste. Das geht soweit, dass man ein eigenes Keymanagement betreiben kann und die eigene Hardware in die Cloud bringen kann. D.h. die Ängste kann man nehmen. Aber dazu muss man mit den Leuten reden. Das ist alles.


Über den Autor des Beitrags:

Andreas Tamm

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Roland Frank

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