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Cloud-Transformation – Deutsche Unternehmen auf dem internationalen Parkett

Cloud-Transformation – Deutsche Unternehmen auf dem internationalen Parkett

 

Veränderungen in Unternehmen sind immer auch ein Wagnis. Das gilt natürlich auch für die Cloud-Transformation. Wie kommt es, dass US-Firmen hier dominieren? Warum hinken deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich hinterher? Und welche notwendigen Schritte müssen eingeleitet werden, um deutsche Unternehmen technologisch voranzubringen?

Es diskutieren Prof. Dr. Roland Frank, Dozent an der Media Design Hochschule München mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Innovationsmanagement, Change-Prozesse und Digitalisierung und Andreas Tamm, der als Lead Enterprise Architect bei Arvato Systems maßgeblich die Weiterentwicklung der IT-Architekturen und Strategie von Arvato Systems und deren Kunden beeinflusst.


Fakten im Überblick

  • Amerikanische Unternehmen dominieren den Cloud-Markt. Durch technisch geprägte Unternehmenslenker haben sie einen Vorsprung.
  • Amazon und Microsoft sind die führenden Public Cloud Anbieter. Google holt immer stärker auf. Statt IBM wird künftig Alibaba eine größere Rolle spielen.
  • Technologien wie Big Data, AI, IoT und Blockchain treiben die Unternehmenstransformationen voran.
  • Deutsche Global Player wie BMW oder Axel Springer sind bereits auf dem Weg zum Software-Unternehmen. Der deutsche Mittelstand steht vor der Herausforderung, erst zum Cloud-Konsumenten und dann selbst zum Software-Produzenten zu werden. Gehemmt wird diese notwendige Entwicklung vor allem durch Diskussionen um Kosten, Governance und Security.

Die großen Hyperscaler

Im Bereich der Cloud dominieren aktuell Anbieter wie Google, Microsoft oder Amazon den Markt. Gibt es Gründe für die Dominanz der amerikanischen Unternehmen?

Der Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen Unternehmen besteht darin, dass an der Spitze der amerikanischen Unternehmen vorwiegend Techniker und Ingenieure stehen.  In Europa dominieren dagegen die Controller. Und genau das ist ein Hinderungsgrund für diese Entwicklung. Cloud hat eben auch etwas damit zu tun, ein Wagnis einzugehen. Um überhaupt Cloud-Technologien sinnvoll nutzen zu können, benötigt man andere Unternehmensorganisationen. Und da waren europäische oder auch speziell deutsche Unternehmen in der Vergangenheit viel zu ängstlich.

Wie unterscheiden sich die Angebote der großen Cloud-Anbieter aus den USA? Seien es AWS, Google Cloud, IBM oder Microsoft Azure: Wo liegen die Stärken und Schwächen der Anbieter?  Kannst Du da mal einen Blick unter die Motorhauben werfen?

Ausgehend von aktuellen Marktanalysen – zum Beispiel vom Beratungsunternehmen Gartner – sind AWS und Microsoft aktuell weltweit führend. Amazon hat da die Nase vorn. Die beiden unterscheiden sich aber wirklich nur noch marginal, was die Services angeht. Ob IaaS oder PaaS – da ist der Unterschied nicht mehr groß.

Ein Unterschied ist die Hardware, die die Unternehmen besitzen: Amazon bietet alle Services via World Wide Web an. Microsoft dagegen hat einen eigenes weltweites Netzwerk etabliert. Auch Google hat ein eigenes Netzwerk aufgebaut.

Auf der Hardwareseite arbeiten Microsoft und Amazon mit unterschiedlichen Strategien. Microsoft propagiert eine große Datenbank mit vielen Features, die man unterschiedlich nutzen kann. Amazon empfiehlt viele verschiedene Datenbanken. Aber die meisten Lösungen kann man mit beiden Angeboten umsetzen.

Google ist stark im Bereich „Big Data“ und hat dort einen Wissensvorsprung aufgebaut. Der Map-Reduce-Algorithmus auf dem die Hadoop-Netzwerke aufbauen, wurde von Google entwickelt. Auch Kubernetes, eine Open-Source-System zur Bereitstellung und Verwaltung digitaler Container-Systeme, stammt von Google. Sie sind dagegen ein wenig schwächer in Infrastruktur-Angeboten und in der generellen Auswahl der Services.

IBM würde ich nicht zu den großen Playern zählen. Da ist das chinesische Unternehmen AliBaba inzwischen weiter in der Entwicklung von Cloud-Anwendungen.

Was KI-Anwendungen aus der Cloud angeht, liegen Microsoft und Google vorn. Amazon hat zwar durch Alexa einen großen Vorsprung in der Spracherkennung, dafür sind in anderen Bereichen – wie zum Beispiel Objekterkennung – andere Unternehmen wie Google stärker. Das zeigt sich dann auch in den aktuellen Nutzungszahlen. [Darstellung nicht vollständig, Anm. d. Red.] 

Was sind aus Deiner Sicht die Stärken und Schwächen der asiatischen Anbieter wie bspw. Alibaba?

Was Künstliche Intelligenz angeht, sind die asiatischen Anbieter ganz vorne dabei. Bei IaaS-Angeboten sind sie absolut vergleichbar. PaaS-Services und Big Data sind noch relativ schwach.

In Europa ist die Unsicherheit, mit einem asiatischen Anbieter in die Public Cloud zu gehen immer noch sehr groß. Als deutsches Unternehmen, das in Asien Geschäfte machen will, ist es aber nicht verkehrt, auf diese Anbieter zurückzugreifen, um lokale Ressourcen aufzubauen. Andere Anbieter sind dort nicht vertreten oder lassen ihre Rechenzentren durch Drittanbieter betreiben. Microsoft und Amazon machen das in China so. In Europa können die asiatischen Anbieter derzeit noch nicht richtig Fuß fassen. Auch sie brauchen Co-Locators. In Deutschland arbeitet AliBaba bspw. mit Vodafone als Betreiber zusammen.

IoT und Blockchain als technologische Treiber der Cloud-Transformation

Gibt es neben „Big Data“ und AI noch andere Technologien, die aus der Cloud bezogen werden können und die Cloudtransformation in den nächsten Jahren treiben werden?

Speziell in Deutschland wird IoT ein großes Thema werden. Der ganze Maschinenbau- und Manufacturing-Bereich muss da mitziehen. Die deutschen Hersteller sind auch gar nicht schlecht aufgestellt. Aber auf der anderen Seite auch weit davon entfernt, mit den amerikanischen Konkurrenten wie z.B.: General Electric mithalten zu können.

Bei IoT gilt es zu bedenken, dass Edge Computing eine Rolle spielt. Gewisse Anwendungen können nicht warten, bis die Daten aus der Cloud zurückkommen. Ein autonomes Auto kann bspw. nicht erst Daten in die Cloud schicken und hoffen, dass dort jemand sagt: „Die Ampel ist rot!“. Im Edge-Bereich wird es also weiterhin notwendig sein, Rechenleistung On Premises zur Verfügung zu stellen.

Auch die Blockchain wird sicher auch ein Treiber – bspw. in der Finanzbranche werden. Das kann allerdings noch dauern. Die Technologie ist weiterhin sehr teuer, in der Implementierung und im Betrieb.

Die Blockchain hat also einige Nachteile. Hältst du es für möglich, dass andere Verschlüsselungsverfahren die Blockchain-Technologie ablösen?

Sicher wird es Änderungen bzw. Erweiterungen der Blockchain-Technologie geben. Es gibt von Microsoft bereits das Coco-Framework, das auf der Standard-Blockchain aufsetzt, es aber ermöglicht, energieeffizienter Blockchain-Berechnungen durchzuführen.

Die Frage ist dann im zweiten Schritt: Wie kann man die Blockchain effektiv einsetzen? Arvato Systems hat selbst einen Proof-of-Concept für die Produktnachverfolgung entlang der Lieferkette mit einer großen deutschen Handelskette entwickelt. Das Problem dabei: Nur wenn die Lieferkette der Lieferanten vollständig und nachvollziehbar ist, dann kann das System funktionieren.

Eine Bank hat diese Probleme nicht, denn sie sind schon viel weiter: Wenn ein Aktienkäufer einen Trade macht, sind da mehrere Parteien involviert. Für einen Lebensmittelzulieferer von Aldi oder Lidl ist es nicht selbstverständlich, sich in eine solche Kette einzugliedern und Daten bereitzustellen. Daher bezweifle ich ein bisschen, ob Blockchain sich in den kommenden beiden Jahren in Deutschland schon durchsetzen wird.

Was sicher aber der wichtigste Zukunftstreiber sein wird ist aber Künstliche Intelligenz. Das ist ganz klar. Das ist kein Thema für die kommenden Jahre, sondern das sind Applikationen die schon jetzt – also 2019 – ganz stark nachgefragt werden.

Deutsche Unternehmen auf internationalem Parkett

Wie ist es mit dem Thema Abhängigkeit von den amerikanischen Anbietern? Ist es eine mögliche Strategie für deutsche Unternehmen, nicht nur die Cloud-Angebote der großen Anbieter als Endkunde zu nutzen, sondern sich eigene Cloud-Abteilungen aufzubauen und selbst zum Anbieter von Cloud-Services zu werden?

Wie definiert man hier Abhängigkeit? Früher haben sich die Unternehmen auch Oracle-Datenbanken gekauft. Da hat keiner gesagt: Ich bin abhängig von Oracle. Wenn ich wollte, konnte ich wechseln – und das kann ich heute auch. Voraussetzung dafür ist, dass ich die richtige Architektur für meine Systeme verwende, auf Container setze und meinen Workload auf verschiedene Anbieter verteile. Dann klappt der Anbieterwechsel auch in der Cloud.

Außerdem wird die Laufzeit der einzelnen Anwendungen immer kürzer. Mal abgesehen von den Line-of-Business-Anwendungen wie SAP. Wenn man heute eine eigene Anwendung für ein mobiles Endgerät baut, dann läuft diese nicht mehr die nächsten zehn Jahre. Das ist illusorisch. Weil die Technologien so schnell voranschreiten, wird die Halbwertszeit von so einer Applikation noch maximal ein bis zwei Jahre sein. Danach baut man sie neu. D.h. die Abhängigkeiten, wie man sie früher hatte, wird es so gar nicht mehr geben.

Können deutsche Unternehmen aus Deiner Sicht damit beginnen, eigenständig Cloud-Angebote zu entwickeln? Und sollte das überhaupt ihr Ziel sein?  

Die eigentliche Frage, die dahinter steht, lautet: Werde ich bspw. als Maschinenbauer zu einem Software-Unternehmen? Viele Unternehmen sind noch nicht bei dieser Frage. Sie müssen zuerst klären, wie sie die Cloud-Angebote für sich selbst nutzen können. Erst dann kommt die nächste Stufe: Erst wenn man als Konsument die Erfahrungen gesammelt hat, kann man Schritte in Richtung Softwarehersteller gehen.

Aber Unternehmen wie BMW – Stichwort autonomes Fahren – und Axel Springer – Stichwort Roboterjournalismus – sind doch längst auf dem Weg zum Software-Unternehmen?

Die deutschen globalen Player wie Volkswagen, BMW oder Siemens sind längst auf dem Weg in diese Richtung. Wenn man dagegen den deutschen Mittelstand betrachtet, dann ist es definitiv noch nicht so weit. Und sie bilden im Endeffekt das Herzstück unserer Wirtschaft.

Wo stehen denn deutsche Unternehmer als Nachfrager von Cloudservices im internationalen Vergleich?

Ich habe jetzt keine genauen Kennzahlen im Kopf. Aber wir sind relativ weit hinten. Selbst Frankreich hat uns da überholt. Speziell im angelsächsischen und im skandinavischen Raum ist die Nutzung wesentlich weiter. Auch Asien ist offener für die Cloudnutzung. Aus einer globalen Perspektive liegen wir weit hinten.

In Deutschland werden wir wohl noch zwei Jahre über Governance- und Security-Themen in der Cloud diskutieren, dann sollte das Thema wirklich durch sein. Die eigentlichen Treiber hinter der Entwicklung sind so oder so die wirklich globalen Unternehmen, die nicht nur regionale Sales-Locations betreiben, sondern die auch Fabriken und Produktionsstätten im Ausland haben.

Welche Unternehmen sollten aus Deiner Sicht heute darüber nachdenken, die nächsten Schritte der Cloudtransformation einzuläuten?

Der Retailbereich in Deutschland hinkt schon weit hinterher. Wenn man sich die ganzen Ankündigungen zwischen Microsoft und Walmart anschaut. Oder Amazon, die jetzt zunehmend in den Retail-Markt drängen und die Amazon Go Märkte in den USA eröffnet haben. Da geht der Kunde rein und muss nicht einmal mehr sein Handy vorzeigen. Der marschiert raus mit den Produkten und alles wird automatisiert abgerechnet – ohne dass es zu einer menschlichen Interaktion kam.

Da gibt es zwar auch schon Ansätze in Deutschland. Aber die sind noch sehr zaghaft. Das ist ein Bereich, der alle betrifft. Und wenn die Menschen mitbekommen, dass sie sich nicht mehr in eine Schlange stellen müssen, dann wird das ganz schnell von vielen Geschäften übernommen werden müssen. Das wird in den kommenden Jahren starke Veränderungen in den USA bringen. Und das während wir in Deutschland noch diskutieren, ob man die ersten Schritte in die Cloud wagen soll.


Über den Autor des Beitrags:

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Prof. Dr. Roland Frank

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