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Innovationsfeld "Blockchain" – Raus aus der "Nerd"-Ecke, rein ins Geschäftsleben

Innovationsfeld "Blockchain" – Raus aus der "Nerd"-Ecke, rein ins Geschäftsleben

 

Wenn eine neue Technologie in einer Parteitagsrede als Synonym des Fortschritts und der Innovationsfreude herhalten muss und es damit in einen Hauptbeitrag der Tagesschau schafft, dann ist sie meistens der „Nerd“-Ecke entwachsen. So geschehen Mitte Mai 2018, als FDP-Chef Christian Lindner auf dem Parteitag der Regierung sinngemäß vorwarf, sich mehr mit Marx als mit Blockchain zu befassen. Ob das so stimmt, sei dahingestellt, doch ganz sicher verhält es sich unter den Managern deutscher Unternehmen genau umgekehrt.

Die Komplexität der Technologie darf den Blick auf das Potenzial nicht versperren

Das augenblickliche Dilemma rund um Blockchain ist, dass man zwar vielerorts auf Management-Ebene darüber diskutiert, das Image der Technologie aber trotzdem auf der Nerd-Ebene verharrt. Blockchain umgibt derzeit die Aura einer komplexen und schwer verständlichen Technologie, sie wird somit im positiven wie im negativen Sinne überhöht und auf Distanz gehalten.

In gewisser Weise ähnelt die derzeitige Blockchain-Situation den Anfängen des Internet: Während Mitte der 90iger Jahre viele (gerade auch deutsche) Unternehmen noch über das IP-Protokoll und das ISO/OSI-Schichtenmodell diskutierten, um das Phänomen Internet zu begreifen, feilten (vor allem US-amerikanische) Startups schon an Internet-basierenden Geschäftsmodellen. Das Ergebnis ist bekannt und trägt den Namen GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple).

Man muss nicht im Detail wissen, was Miner machen, wie man Blöcke bildet oder Datenbanken distribuiert. Wichtig ist jedoch, das Potenzial einer verteilten, ständig synchronisierten, transparenten und absolut sicheren Datenbank für das eigene aktuelle und künftige Geschäftsmodell zu ergründen und dies vor allem zügig anzugehen. Und sei es anfangs nur mit PoC- und Test-Projekten, um Know-how aufzubauen und Interesse zu wecken.

Beachtlich: Jedes zehnte Unternehmen beschäftigt sich mit Blockchain

An diesem Punkt sind laut gemeinsamer Erhebung von Arvato Systems und PAC 11% der befragten Firmen. Sie verfolgen allesamt konkrete Pläne, wenngleich in unterschiedlichen Phasen (Evaluierung/Planung; Pilotierung; Umsetzung). Das ist ein durchaus ermutigender Wert für eine derart junge und unausgereifte Technologie. Der Wert reiht sich zudem in die Eindrücke aus Gesprächen mit großen Anwenderunternehmen und Service-Providern, in denen mancherorts Blockchain-Teams mit bis zu 40 Vollzeitkräften tätig sind. Es gibt also auf der einen Seite bemerkenswerte Aktivitäten in diesem Bereich. Auf der anderen Seite steht allerdings eine Mehrheit an Unternehmen, die sich bislang mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hat – laut der vorliegenden Erhebung knapp drei Viertel der befragten Firmen.

PAC, Innovationen, Blockchain

Ein Blick in die Kommentare der Befragten gibt Hinweise auf die Gründe für die Zurückhaltung. Nennungen wie „Kein Bedarf seitens unserer Kunden“ oder „Im Behördenumfeld nicht interessant“ weisen auf Informationsbedarf hin, denn die wenigsten Kunden werden proaktiv nach Blockchain fragen. Sicherlich würden sie sich aber darüber freuen, wenn Bezahlprozesse im internationalen Außenhandel um das Fünffache verkürzt werden können – was zum Beispiel der Blockchain-Plattform des ETF-Konsortiums im internationalen Handel mit Sojabohnen bereits gelungen ist. In Behörden wiederum gibt es Blockchain-basierende Initiativen im Bereich Identity Management und Dokumentenaustausch, um die Digitalisierung in der öffentlichen Hand voranzutreiben und den Service der Behörden näher an den Wünschen der Bürger auszurichten. Die Nennungen belegen, dass die Einschätzung zum Nutzen der Blockchain heute meistens nicht aus technologischem Blickwinkel erfolgt.

Es geht um den sicheren und fälschungssicheren Austausch digitaler Werte

Der Nutzen von Blockchain muss von den Fachbereichen analysiert und bewertet werden, denn vor allem dort ist die Kompetenz vorhanden, die besonderen Merkmale der Technologie in aktuelle und künftige Geschäftsprozesse zu übersetzen. Immer dann, wenn wertvolle Informationen (Zertifikate, Geld, 3D-Druckdateien etc.) zwischen mehreren Partnern zuverlässig und transparent ausgetauscht werden müssen, kann Blockchain eine wichtige Basistechnologie sein. Die technische Umsetzung und IT-relevante Integration sollte – wie etwa beim Cloud Compting – der IT und ihren Implementierungspartnern obliegen.

Die bislang von den befragten Firmen umgesetzten und geplanten Projekte geben wertvolle Hinweise auf die bevorzugten Einsatzfelder dieser verteilten Datenbanken.

  • Aktuell geht es oft um die digitale Dokumentation des Transports physischer Waren. Das können etwa Frachtpapiere, Herkunftsnachweise und Informationen zur Sendungsverfolgung sein. Aktualisierte Daten werden in die Blockchain geschrieben und sind für alle Beteiligten einsehbar. Eine Anwendungsmöglichkeit besteht etwa im internationalen Handel, wenn beispielsweise Auslieferungswaren von der Spedition an die Reederei zur Verschiffung übergeben werden. Die Übergabe und Bearbeitung der entsprechenden Frachtpapapiere und Zollbestimmungen werden mittels Blockchain und Smart Contracts automatisch weitergereicht und Aktualisierungen dauerhaft dokumentiert. Smart Contracts sind programmierbare Verträge, die bestimmte Aktionen nach definierten Kritieren ausführen. Auslöser können zum Beispiel gemessene Schwellenwerte sein, die einen Wartungs-Service initiieren.
  • In den kommenden zwei Jahren streben Firmen Blockchain-basierende Projekte zur Fälschungssicherheit an. Dabei werden Produkteigenschaften und Veränderungen (etwa durch Reparaturen) in der Blockchain manipulationssicher gespeichert. Das ist zum Beispiel relevant, wenn Maschinen samt Garantieansprüchen den Besitzer wechseln. Die unveränderbare Blockchain-Historie kann dann belegen, dass nur Originalersatzteile verbaut wurden.
  • Im Energiehandel kann auf Basis von Blockchain-Plattformen die dezentrale Energiegewinnung direkt zwischen Erzeuger und Verbraucher abgewickelt werden. Die Technologie stellt mit Hilfe von Smart Contracts die Mittel zur automatischen Verrechnung kleinster Geldbeträge zur Verfügung.
  • Zudem gibt es in den befragten Firmen Diskussionen rund um auf Blockchain basierende Finanztransaktionen. Im Fragebogen wurden die Pläne nicht näher erläutert, doch viele internationale Blockchain-Projekte zielen auf eine schnellere Abwicklung von Inter-Banken-Transaktionen ab. Der Hintergrund ist, dass dem globalen Finanzsystem kontinuierlich weltweit mehrere Milliarden Dollar nicht zur Verfügung stehen, weil sie sich gerade auf dem Weg zwischen den Banken befinden. Automatisierte Prozesse sollen die Transaktionszyklen erheblich verkürzen und damit finanzielle Mittel frei machen.

Die genannten Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, welche Möglichkeiten die Blockchain-Technologie bietet. Sie zeigen, dass in vielen Fällen vor allem an Prozessverbesserungen gearbeitet wird, in anderen aber auch völlig neue Geschäftsmodelle betrachtet werden, wie etwa beim Energiehandel. Letzteres ist im Übrigen keine Zukunftsmusik, sondern wird bereits vom US-amerikanischen Startup LO3 Energy realisiert – zum Beispiel in Landau in der Pfalz.

Klein starten, aber bald loslegen

Die Blockchain-Technologie ist im Vergleich zu den anderen aktuellen Digitalisierungslösungen wie etwa Cloud Computing, Big Data, Analytics, IoT und künstliche Intelligenz die am wenigsten ausgereifte. Dennoch sind die Erwartungen enorm. So wie das Internet den Austausch von Informationen und Waren verändert und die Machtgefüge in Branchen wie Medien und Handel völlig neu sortiert hat, so kann die Blockchain-Technologie Vergleichbares beim Austausch digitaler Werte bewirken – wenn sie auf breiter Basis angewendet wird. International gibt es schon viele Blockchain-Projekte und Startups, die intensiv daran arbeiten, das Potential zu heben, indem Geschäftsprozesse beschleunigt und neue Geschäftsmodelle entworfen werden. Deutsche Unternehmen und vor allem deren Manager sollten also zügig die Diskussionsphase hinter sich lassen und erste Aktivitäten anstoßen, etwa um zu prüfen, ob das eigene Geschäftsmodell beziehungsweise die eigenen Geschäftsprozesse gefährdet sind oder gar von der Blockchain profitieren können. Oft helfen schon kleine, fokussierte Projekte, um das Potential einschätzen zu können.


PAC-Studie Innovationsfelder in Deutschland
Cloud, Big Data, IoT, künstliche Intelligenz, Blockchain – wie weit sind deutsche Unternehmen in der Umsetzung?

Arvato IT, Cloud, PAC Innovationsstudie

Dieser Frage ging das Marktanalyse- und Beratungsunternehmen Pierre Audoin Consultants (PAC) im Auftrag der Arvato Systems im Februar und März 2018 mit einer telefonischen Befragung zu Anwendungsfeldern, Investitionsplänen und Einstellungen zu den derzeit bestimmenden Themen der Digitalisierung – Cloud, Big Data, IoT, künstliche
Intelligenz und Blockchain – nach. Neben IT-Entscheidern wurden auch das Management und Fachabteilungen deutscher Unternehmen befragt, um unterschiedliche Sichtweisen zu betrachten.

Über den Autor des Beitrags:

Karsten Leclerque

 

 

Über PAC – a CXP Group Company:

Pierre Audoin Consultants (PAC) wurde 1976 gegründet und gehört seit Juni 2014 zur CXP Group, dem führenden unabhängigen europäischen Marktanalyse- und Beratungsunternehmen für die Software- und IT-Dienstleistungsindustrie sowie für Themen rund um die digitale Transformation. Wir bieten unseren Kunden umfassende Support-Services in der Bewertung, Auswahl und Optimierung ihrer Softwarelösungen sowie bei der Bewertung und Auswahl von IT-Dienstleistern und begleiten sie bei der Optimierung ihrer Sourcing- und Investitionsstrategien. Die CXP Group begleitet IKT-Entscheidungsträger bei ihrer digitalen Transformation. Schließlich steht die CXP Group Software- und IT-Dienstleistungsanbietern mit quantitativen und qualitativen Analysen sowie strategischer und operativer Beratung bei der Optimierung ihres Go-to-Market-Ansatzes zur Seite. Auch öffentliche Einrichtungen vertrauen bei der Entwicklung ihrer IT-Richtlinien auf unsere Studien. Mit 40 Jahren Markterfahrung, 17 Niederlassungen in weltweit 8 Ländern und 140 Mitarbeitern unterstützt die CXP Group jährlich mehr als 1.500 IKT-Entscheidungsträger und die operativen Unternehmensbereiche sowohl großer als auch mittelständischer Unternehmen und deren Provider. Die CXP Group besteht aus drei Gesellschaften: Le CXPBARC (Business Application  Research Center) und Pierre Audoin Consultants (PAC). Für weitere Informationen besuchen Sie uns auf www.pac-online.com und folgen Sie uns auf TwitterLinkedIn oder unserem Blog.

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