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Kosten senken mit Cloud Native

Kosten senken mit Cloud Native

 

Alle sagen, man könne mit der Cloud Kosten senken. Aber wenn ein Einkäufer seine IT-Landschaft neu ausschreibt und die Angebote vergleicht, sieht die Cloud meist teurer aus. Wie passt das zusammen? Wir haben dazu einmal ein Gespräch zwischen zwei Betriebswirten aufgezeichnet: Gregor Schumacher, Cloud Transformation Lead der Arvato Systems im Interview mit Prof. Dr. Roland Frank, Dozent für Medien- und Kommunikations­management an der Media Design Hochschule München.

Welche Rolle spielt Cloud in Deinem Unternehmen?

Das Thema Cloud ist omnipräsent und spielt bei Arvato Systems eine sehr wichtige Rolle bei der Transformation unseres Unternehmens. Wir haben uns das Ziel gesetzt, uns vom klassischen Systemintegrator zum Multi-Cloud Service Integrator zu transformieren. Dabei sind nicht nur einzelne Fachabteilungen wie etwa der Infrastruktur-Betrieb betroffen. Auch die Kollegen im Bereich Managed Services, im Applikationsbetrieb und der Software-Entwicklung treiben den Wandel aktiv voran. Besonders spannende Chancen ergeben sich zudem für unsere eigenen Branchenlösungen wie im Bereich Smart Energy.

Wie hat sich das Verhältnis Deines Unternehmens zu Cloud gewandelt?

Arvato Systems war jahrelang als Systemintegrator und Rechenzentrumsbetreiber sehr erfolgreich. Dieser Markt wird momentan von den großen Cloud-Hyperscalern disruptiert. So war für viele Mitarbeiter die intuitive Wahrnehmung der Cloud erstmal negativ. Sie wurde mehr als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen. Ein Blick auf unsere aktuellen Markterfolge zeigt aber: Die Chancen überwiegen deutlich. Die Cloud gibt dem IT-Markt insgesamt einen deutlichen Schub. Kunden fragen viele unserer traditionellen Leistungen wie etwa SAP-Services und klassische Managed Services verstärkt auf der Public Cloud nach.

Daneben gibt es aber noch eine zweite Dimension der Cloud-Nutzung, die bislang in der Diskussion aus meiner Sicht eine zu geringe Rolle spielt: Getrieben durch neuartige Plattformangebote wie AWS und Azure verwischen die Grenzen zwischen Infrastruktur und Software. Dadurch bekommen wir als Systemintegrator einen ganz neuen Zugang zu Digitalisierungsprojekten.

Was meinst Du mit „Infrastruktur und Software verwischen“?

Schau Dir einmal einen klassischen IT-Einkäufer an. Was erwartet der von der Cloud? Kosten senken natürlich. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die Infrastrukturkosten. Also: Was kostet eine virtuelle Maschine vom Typ X mit Y RAM und Z Storage? Dann beginnt ein riesiges Hardware-Vergleichsprojekt, mit langen internen Diskussionen zu Vergleichbarkeit, Performance und Preisen. Am Ende beginnt er wieder von vorn, weil die Hyperscaler in der Zwischenzeit die Preise gesenkt haben.

Die eigentlichen Kostensenkungen liegen aber nicht beim Hardware-Einkauf, sondern bei der Erstellung und dem Betrieb der Software. Ist der Kunde bereit, die Anwendung herunterzufahren, wenn er sie nicht braucht? Passt er die Architektur der Software so an, dass sie günstigere Datenbanken nutzt? Nutzt er Container, Serverless und Platform-Services? Arvato Systems hat gemeinsam mit dem IT- Analysten CRISP Research eine Studie erstellt und verschiedene Architekturen miteinander verglichen. Das Ergebnis ist klar: Wenn Unternehmen Serverless und PaaS im Zusammenspiel nutzen, können sie 80% günstiger Software entwickeln und sind dabei noch 70% schneller.

 

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Software-Architekturen im Vergleich: Potentielle Wettbewerbsvorteile durch den Einsatz von Cloud Native-Technologien // Crisp Research

Kannst Du das anhand eines Beispiels erläutern?

Wir haben z.B. intern bei uns eine Anwendung entwickelt, die unseren Abrechnungsprozess im klassischen Infrastruktur-Outsourcing optimiert. Deren neue Features konnten wir um 70% schneller und 80% kostengünstiger realisieren. Die Betriebskosten sanken sogar um 90%. Und wenn neue Kunden die Anwendung nutzen, können wir diese um 90% schneller onboarden und haben dabei dann 80% weniger Kosten als bei traditionellen Non-Cloud-Architekturen. Das sind ziemliche beeindruckende Zahlen.

Woher stammen die Einsparpotenziale?

Aus Sicht des Unternehmens sind besonders die Auswirkungen von Cloud-Technologien auf die Transaktionskosten – also die Kontroll-, Anbahnungs- und Überwachungskosten – spannend.

Die traditionelle IT-Wertschöpfungskette beginnt mit der Planung und geht über Software-Entwicklung und Test bis hin zum Betrieb. Alles findet jeweils in eigenen Unternehmensabteilungen – sprich: Silos –  statt, besetzt mit Spezialisten in den jeweiligen Fachgebieten. Risiken werden reduziert durch verbesserte Planung, exakte Steuerung, sichere Verträge und wasserdichte Übergaben. Betriebswirtschaftlich sind das aber alles Transaktionskosten für Anbahnung, Informationsbeschaffung, Vereinbarung, Abwicklung, Änderung und Kontrolle. Cloud-basierte Software dagegen senkt genau diese Kosten radikal. Der Schlüssel hierfür sind Platform-Services, DevOps und die Erstellung von Minimum Viable Products.

Platform Services sind wie ein großer Baumarkt mit fertigen Komponenten. Die werden in der Softwareentwicklung genutzt, anstatt sie selbst zu bauen. Die Transaktionskosten sind deswegen so gering, weil sie standardisiert über eine Programmierschnittstelle (API) bestellt, genutzt und abrechnet werden. Da wird nicht verhandelt, es sind keine Juristen notwendig, die Nutzung wird nicht manuell in Excel nachgehalten oder monatlich irgendetwas in der Buchhaltung verglichen.

Und was bedeutet das für die interne Unternehmensstruktur?

Das sind schon große Umstellungen, die hier auf die Unternehmen zukommen. Aufgabe der Organisationsentwicklung ist es heute, sich an den Maßstäben agiler Unternehmensstruktur zu orientieren. DevOps z.B. helfen dabei,  die internen Transaktionskosten zu senken. Typische interne Verhandlungen, Reibereien und Missverständnisse werden so reduziert.

Wenn die Einsparpotentiale so groß sind, was hindert die Unternehmen daran, ihre Kosten so radikal zu senken?

Die Herausforderung liegt in der Unternehmensstruktur und den internen Entscheidungsabläufen: Wenn es dem IT-Einkauf bisher gelang, auf traditionelle Art und Weise 10% Infrastrukturkosten zu sparen, dann waren alle zufrieden. Wenn der gleiche Einkäufer heute aber Platform Services in Form von DevOps im MVP-Ansatz nutzen will, dann braucht er eine Freigabe von Legal & Compliance  - für die Platform Services der Public Cloud. Zudem müssen komplett getrennte Abteilungen kundenorientiert zu DevOps-Teams zusammengelegt werden. Und der Produktmanager braucht die Freiheit, neue Produkte in kurzen Zyklen am Markt platzieren und testen zu können. Auf ein solche Wagnisse muss sich ein Unternehmen erst einmal einlassen.

Wie schätzt Du die langfristigen Wirkungen der Verwendung von Public Cloud-Angeboten ein?

Die Veränderungen in den nächsten Jahren werden riesig sein. Transaktionskosten sind ja der Grund, warum Firmen überhaupt existieren. Dinge, die ich unkompliziert und risikoarm einkaufen kann, die kaufe ich am Markt zu. Zum Beispiel Schrauben oder Schreibpapier. Prozesse und Produkte, die ich billiger, besser und risikoärmer selbst herstellen kann, verbleiben im Unternehmen. Keine Firma käme ja auf die Idee, selbst Tesafilm oder Schreibtische herzustellen – wenn dies nicht gerade ihr Kerngeschäft ist.

Mit der Cloud verändert sich der Charakter von IT-Infrastrukturen und Application Services: Sie nähern sich dem Tesafilm an. Sie sind in der Zukunft so unkompliziert und risikoarm nutzbar, dass sich der Trend zum Outsourcing von IT in die Cloud noch weiter verstärken wird.

Aber auch im IT-Markt insgesamt wird es Veränderungen geben. Der Trend geht zu wenigen großen Firmen im Bereich IT-Infrastruktur – sehr gut zu sehen in der Entwicklung des entsprechenden Gartner-Quadranten. Basierend auf deren Leistungen aber wird es Platz geben für sehr viele spezialisierte und  kundenorientierte Firmen, die in Netzwerken miteinander verbunden sind.

Ein schönes Beispiel hierfür ist DeepL, ein Kölner Startup für Sprachübersetzung. Deren 22 Mitarbeiter haben es in ihrer Nische geschafft, besser zu sein als  Google, AWS und Microsoft.


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